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Sonntag, 17.12.2017

provopoli. Wem gehört die Stadt...

...ist ein von der Außerparlamentarischen Opposition geprägtes Spiel aus dem Jahr 1972, das in den 1970ern mehrere Auflagen erlebte, heute aber vergriffen ist.

provopoli_spielfeld.jpgEs spielt in "Grünstadt"(siehe stilisierten Stadtplan). Neben dem Spielfeld (Originalgröße: 48,5cm x 63cm), Spielfiguren, Würfel, Aufgaben-, Zufalls- und Personenkarten gibt es noch Fahrzeuge, Barrikaden und Sprengkörper, die den beiden Parteien Blau und Rot während des Spiels von Nutzen sein können. "Die blaue Partei symbolisiert jene Kräfte, die die bestehenden Verhältnisse bejahen, sie um jeden Preis erhalten und verfestigen wollen; die rote Partei steht für Gruppierungen, die diese Verhältnisse kritisieren und aktiv an der Veränderung und Verbesserung des gesellschaftlichen Systems arbeiten." (aus der Spielanleitung)

Am 12. Juni 1980 wurde provopoli auf Antrag des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung in die Liste der jugendgefährdenden Schriften aufgenommen, da es, wie das Prüfgremium entschied, geeignet sei, "Kinder und Jugendliche sozialethisch zu verwirren (desorientieren)" und "sittlich zu gefährden". Das Ministerium hatte geltend gemacht, die Spielanweisungen enthielten "staatsfeindliche und terroristische Inhalte. Es werde zu Geiselnahme, Bombenanwendung, Errichtung von Barrikaden, Einbrüche in Amtsräume [...] angeregt. Weiterhin werde in diesem Spiel nicht zur kritischen Auseinandersetzung mit demokratischen Gesellschaftsformen angeregt sondern die Demokratie generell abgelehnt, und deshalb ein terroristischer Kampf um Gesellschaftsveränderung, der verfassungswidrig ist, propagiert."

Das ist natürlich scharmlos übertrieben. Eine der blauen Zufallskarten, die man ziehen muss, wenn man mit seiner Würfelzahl auf ein entsprechendes Feld kommt, lautet beispielsweise: "Sie treffen unterwegs ein paar Knirpse aus dem anti-autoritären Kindergarten, die 'Scheißbulle' zu Ihnen sagen. Das trifft Sie als vorbildlichen Kleinfamilienvater besonders schwer. Sie nehmen sich drei Runden Zeit, um den irregeleiteten Würmern ein Eis zu spendieren und ihnen von Ihrer interessanten Tätigkeit zu erzählen."

Auf einer Aufgabenkarte für das rote Team, die zu Spielbeginn gezogen wird, steht: "Eilige Nachricht: Genossen! Die blauen Handlanger des Monopolkapitals haben wieder einmal einen sog. 'Rädelsführer' erwischt und in den Knast gesteckt. Die Willkür der Exekutive muß gestoppt werden. Entführt deshalb den Polizisten Nr. 3 und bringt ihn zur Zentrale. Anschließend werden wir mit den Blauen verhandeln, um unseren Genossen gegen ihn auszutauschen. Sichert die Übergabe, das System ist tückisch!"

Die sechsköpfige "Projektgruppe provopoli" hat also sehr zukunftsweisend gedacht, denn Entführungen hat es in der Bundesrepublik im Jahr 1972 noch nicht gegeben. Auch Werbung der Bundeswehr war damals noch nicht so ausgeprägt wie heute. Hier ist das Spiel hochaktuell: "Auf dem Militärgelände [wo die Sprengkörper gelagert sind] ist heute der allseits beliebte "Tag der offenen Tür". Es gibt Eintopf, Marschmusik und Freibier. Dabei können Sie unschwer ein Bömbchen mitgehen lassen. Wer weiß, wozu das noch gut ist. Begeben Sie sich also ins Militärgelände. (Sollte kein Bömbchen da sein, bleibt immer noch das Bier.)", findet sich auf einer roten Zufallskarte. Glücklich kann sich schätzen, wer das Spiel "propopoly. Wem gehört die Stadt?" noch in seinem Keller bzw. auf seinem Speicher liegen hat. 2005 wurde das Spiel aus der Liste jugendgefährdender Schriften gestrichen und dürfte somit heute wieder an Jugendliche verkauft werden. Nach über 30 Jahren könnte man also mal wieder eine neue Auflage herausbringen.

provopoli - Spielanleitung, die 25 Jahre indiziert war, als pdf-Datei (66 KB)


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