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Samstag, 17.11.2018

Seit elf Jahren eingekerkert

"Es ist der richtige Zeitpunkt, mit Kraft und Entschlossenheit die Freiheit der La-Tablada-Gefangenen zu fordern. Es handelt sich um eine Situation, die zum Wohle der argentinischen Gesellschaft beendet werden muß", so der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago Ende Mai 2000 in einem Offenen Brief an den argentinischen Präsidenten. Sein Brief fand so prominente Mitunterzeichner wie die Nobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel und Rigoberta Menchú sowie den spanischen Schriftsteller Manuel Vazquez Montalban. Saramago entsprach mit seinem Aufruf einer Bitte argentinischer Menschenrechtsorganisationen, die von der internationalen Öffentlichkeit gefordert hatten, die Stimme für die Freilassung der sogenannten La-Tablada-Gefangenen zu erheben. Diese Gefangenen befinden sich seit nunmehr dreieinhalb Wochen in einem unbefristeten Hungerstreik, mit dem sie ihre Freilassung verlangen.

Die Vorgeschichte: In den sieben Jahren argentinischer Militärdiktatur von 1976 bis 1983 "verschwanden" etwa 30 000 Oppositionelle. 1983 löste eine gewählte zivile Regierung die Militärs ab, die - um "den gesellschaftlichen Frieden zu wahren" - von der Regierung Menem amnestiert wurden. Diejenigen, die Gewerkschaftsmitglieder aus Hubschraubern ins Meer gestoßen hatten, gingen straffrei aus, während die Opfer der Gewaltherrschaft - wie so oft - auch in Argentinien ohne Recht blieben.

Die Kasernen blieben in der "Demokratie" Zentren politischer Macht. Argentinien erlebte in den Jahren nach dem Ende der Diktatur vier Putschversuche. Im Januar 1989 verdichtete sich die Einschätzung, daß in der Kaserne La Tablada nahe Buenos Aires ein erneuter Versuch der gewaltsamen Machtübernahme geplant würde. Die linksrevolutionäre Organisation Movimiento Todo por la Patria (MTP) entschied, das Vorhaben zu verhindern; etwa 50 Aktivisten besetzten kurzerhand den Armeestützpunkt. Obwohl schlecht bewaffnet, gelang es ihnen, die Kontrolle über die Kaserne zu erlangen und sie 20 Stunden besetzt zu halten.

Die Aktion endete im Massaker: Armeeflugzeuge warfen Phosphorbomben ab, 3 000 Soldaten stürmten das zu Trümmern geschossene Militärgelände. 31 Besetzer starben, acht Menschen verschwanden - bis heute. 16 MTP-Mitglieder wurden festgenommen und zu teilweise lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. "Wir wollten die Militärs daran hindern, die Panzer auf die Straße zu bringen. Wir wußten, daß sie putschen wollten. Wir haben dafür einen sehr hohen Preis bezahlt, aber den Putsch haben wir verhindert", erklärte Cintia Castro, eine der Besetzerinnen, deren Strafe nach siebeneinhalb Jahren Haft 1996 zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Seit elf Jahren und fünf Monaten sitzen die Überlebenden der La-Tablada-Besetzung im 18. Stock des Caceres- Gefängnisses unter härtesten Bedingungen ein: Kein Hofgang, 24 Stunden in der Zelle. Der Generalsekretär des MTP, Enrique Gorriarán, ist in einem Militärgefängnis völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Gorriarán war in den 70er Jahren einer der Führer der argentinischen Guerilla PRT-ERP. 1976 wandte er sich den Sandinisten in Nikaragua zu und nahm 1979 an der Erschießung des geflohenen Diktators Somoza teil.

Nach dem Ende der argentinischen Militärdiktatur kehrten viele der exilierten Kämpfer zurück, nur Gorriarán wurde von der allgemeinen Amnestie explizit ausgenommen. 1995 entführte ihn der argentinische Geheimdienst aus Mexiko. Gorriarán wurde zunächst aufgrund von Widerstandsaktionen gegen die Militärdiktatur zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt, ein weiteres Urteil kassierte er wegen der La-Tablada-Besetzung, bei der er entkommen war.

Die Internationale Menschenrechtskommission der OAS verurteilte im Dezember 1997 den argentinischen Staat wegen Menschenrechtsverletzungen. Die Kommission erklärte den Prozeß gegen die La-Tablada-Besetzer von 1989 für ungültig, da den Verurteilten die Möglichkeit zur Revision genommen worden war. Das Gutachten legt nahe, die Gefangenen freizulassen. Nachdem der dieses Jahr neugewählte Präsident Fernando De la Rua schon während des Wahlkampfes erklärt hatte, die Beschlüsse der Menschenrechtskommission zu akzeptieren, hatten die Gefangenen auf eine Begnadigung gehofft. Der Hungerstreik, den sie am 29. Mai begannen, ist eine Reaktion auf das Ausbleiben eines solchen Schrittes.

"Auf der Suche nach einer Lösung haben wir über elf Jahre lang alle politischen und juristischen Möglichkeiten zu nutzen versucht. Wir denken, daß wir dabei geduldig und vernünftig gehandelt haben. Aber wir sind nicht bereit, unsere Würde zu diesem Zeitpunkt aufs Spiel zu setzen. Deshalb erklären wir hiermit mit Besorgnis, aber auch mit Zuversicht den Beginn eines Hungerstreiks ... Wir sind uns bewußt, daß die Situation sehr hart werden kann, aber sie wird niemals so hart werden wie jene, welche die Ermordeten und Verschwundenen ertragen mußten", so die Gefangenen in ihrer Erklärung.

Der stetig wachsende internationale Unterstützerkreis erinnert Präsident de la Rua an sein Versprechen. Mittlerweise haben sich Ernesto Cardenal, Osvaldo Bayer, James Petras, Noam Chomsky, Daniel Ortega sowie zahlreiche Kirchenvertreter und Künstler Lateinamerikas der Erklärung Saramagos angeschlossen. Mit Günter Grass findet sich auch ein erster prominenter Deutscher unter den Unterstützern. Für die Gefangenen, deren Gesundheitszustand durch die Haftbedingungen bereits angeschlagen ist, drängt die Zeit.

H. P. Kartenberg

[Libertad!-Artikel in Junge Welt]


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